Ein Vierteljahrhundert Begeisterung wecken

Technik ist toll, spannend, aufregend – aber warum finden das meistens eher die Jungen, und nicht die Mädchen? Warum sind die meisten Mechatroniker und Ingenieure männlich, obwohl Frauen doch genauso schrauben und tüfteln können? Das fragte sich schon zu Beginn des Jahrtausends die Bildungsinitiative Technik – Zukunft in Bayern 4.0 – und wurde aktiv: in zwei Projekten, Mädchen und Technik zusammenbringen. Das war 2002 die Geburtsstunde der „Mädchen für Technik-Camps“ und 2007 folgte das „Forscherinnen-Camp“. Ein Blick zurück in kleinen und großen Schritten.

Damals, zu Beginn dieses Jahrtausends, haben Mädchen und Jungen auf die Frage „Warum bist du gut in Mathe?“ ziemlich unterschiedlich geantwortet. Jungs sahen ganz einfach und naheliegend ihr mathematisches Talent als ausschlaggebend an – Mädchen hingegen harte Arbeit und gute Vorbereitung. Dabei zeigen Mädchen und Jungen vor der Pubertät in den MINT-Bereichen fast gleiche Leistungen und Fähigkeiten, erst mit zwölf Jahren verlieren Mädchen laut einer Studie von Microsoft das Interesse an Naturwissenschaften. Warum trauen sich Mädchen selbst so wenig (zu)? Warum reden sie sich ein, dass sie Mathe und Co. nicht können? Und bremst die Gesellschaft ihre Technik-Begeisterung aus?

Die Bildungsinitiative Technik – Zukunft in Bayern 4.0 ging das Problem praktisch an: Es gibt zu wenig Mädchen, die sich in MINT-Berufe trauen? Dann zeigen wir ihnen doch einfach, was sie handwerklich und technisch drauf haben – in den „Mädchen für Technik-Camps“ und „Forscherinnen-Camps“, das Mädchen technische Studiengänge näherbringen will.

Es ist passend, dass eine Frau das erste technische Camp nur für Mädchen aufgebaut hat: Monika Wißpeintner. Sie redet schnell und lebendig – Eigenschaften, ohne die sie 2002 wahrscheinlich nicht innerhalb von gerade einmal fünf Monaten das erste „Mädchen für Technik-Camp“ auf die Beine gestellt hätte. „Der Auftrag lautete im März: Wir wollen was mit Technik für Mädchen machen – stellen Sie was auf die Beine. Für Sommer“, sagt Wißpeintner und lacht. Was das Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft e. V. (bbw) damals wollte, gab es in Deutschland so noch nicht – also gab es auch niemanden, bei dem Wißpeintner sich was hätte abschauen können. Alles musste neu konzipiert und durchdacht werden.

Und es war damals genau die richtige Zeit, das richtige Thema: Der Fachkräftemangel war absehbar. Die Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie nahmen verstärkt Mädchen und Frauen als potentielle Arbeitnehmer ins Blickfeld. Das bbw war bei Unternehmen und Schulen gut vernetzt. An ihren ersten Anruf bei einem Unternehmen, dem sie das „Mädchen für Technik-Camp“ anbieten wollte, kann sich Wißpeintner noch gut erinnern: „Der Personalleiter war sehr einsilbig, ich habe enthusiastisch mein Konzept vorgestellt – er sagte dann nur: Geht klar, ich hol das OK vom Geschäftsführer.“ Nach nicht einmal 24 Stunden hatte sich das Unternehmen wieder gemeldet und ein erster Besprechungstermin stand, in dem später auch das Camp beschlossen wurde.

In der ersten Augustwoche fanden 2002 dann die ersten beiden Camps statt, in Erlangen und Lohr am Main. In letzterem war die Diplom-Kulturwirtin als Betreuerin dabei: „Es lief super. Die Stimmung war toll, die Gruppe super. Ich war echt beeindruckt, wie offen die Mädchen waren und sich gleich alles getraut haben.“ Es folgten sieben weitere Camps in diesem ersten Jahr.

Das war vor 15 Jahren, nun stellt sich die Frage: Was bringt das? Also: Was bringen 15 Jahre „Mädchen für Technik-Camp“ und zehn Jahre „Forscherinnen-Camp“? Die Antwort findet sich in Zahlen und im Großen – aber am besten im persönlichen, im Kleinen.

 

Die Camps in Zahlen

  • Seit 2002 wurden 329 Camps mit 4559 Teilnehmerinnen in ganz Bayern durchgeführt.

  • 3447 Schülerinnen nahmen an 238 „Mädchen für Technik-Camps“ mit 36 Unternehmen als Kooperationspartner teil. 

  • Jährlich finden rund 15 „Mädchen für Technik-Camps“ mit Mädchen zwischen 12 und 14 Jahren statt. 

  • Seit 2007 gab es 91 "Forscherinnen-Camps" mit 1112 Teilnehmerinnen

  • 25 Unternehmen und 13 Hochschulen bzw. Universitäten beteiligten sich bisher an den "Forscherinnen-Camps" 

  • Bis zu neun "Forscherinnen-Camps" finden jährlich statt und richten sich an Mädchen zwischen 15 und 18 Jahren.

 

Denn was für einen riesigen Einfluss eine Woche Camp mit Ausprobieren, Löten und Tüfteln auf die Entwicklung eines Mädchens hat, zeigt am besten ein ehemaliges Mädchen, jetzt junge Frau: Annika Behner. Heute ist sie 23 Jahre alt und Versuchsingenieurin bei KAESER in Coburg. Vor zehn Jahren hat sie ein „Mädchen für Technik-Camp“ bei Brose in Coburg besucht – 14 Jahre war sie alt und danach technikbegeistert, und das ist sie bis heute. Sie war erst an der Realschule und wechselte dann auf das Gymnasium, eigentlich, weil sie Lehramt studieren wollte. Doch dann kam das zweite Camp, ein „Forscherinnen-Camp“ bei KAESER in Coburg. An den Camp-Auftrag kann sich Behner noch genau erinnern: „Optimiert eine Druckluftstation“. Nach einer Woche Theorie an der Hochschule Coburg und Tüfteln im Unternehmen mit einer Ingenieurin, stellten die Schülerinnen ihre Ergebnisse einem echten Kunden vor: „Das hat echt so viel Spaß gemacht“, sagt Behner, immer noch begeistert – Lehrerin wollte sie von da an nicht mehr werden. „Ich wollte Maschinenbau machen: Das ist so abwechslungsreich, spannend, vielseitig.“

Was dann folgte, folgt bei vielen Mädchen, die in einem „Mädchen für Technik-Camp“ oder „Forscherinnen-Camp“ mitgemacht haben: ein Praktikum, eine Bewerbung, eine Ausbildung oder ein duales Studium – kurz: Ein Berufsstart in dem Unternehmen, das die Jugendlichen aus der Camp-Woche kennen.

Joachim Englert kennt das. Seit fünf Jahren ist er bei der Firma Bosch Rexroth in Lohr am Main Ausbilder und betreut das „Mädchen für Technik-Camp“. Sieben Mädchen aus einem Camp haben in dieser Zeit danach im Unternehmen angefangen. Ein guter Schnitt. Die Mädchen und ihr Camp haben bei dem Unternehmen einen hohen Stellenwert: Heuer fand das 16. Camp statt, das Unternehmen ist also von Anfang an dabei. Ein Jahr dauere die Vorbereitung, sagt Englert, „ist das eine Camp rum, planen wir schon das nächste“, er lacht.

Der Aufwand ist da, aber Bosch Rexroth und er sehen das riesige Potential, das Mädchen für technische Berufe mitbringen: „Frauen haben eine ausgeprägte Fingerfertigkeit und sind sehr präzise – und wenn die Mädchen im Camp erstmal merken, dass Löten gar nicht so schwer ist, sind sie genauso gut wie die Jungs.“

Seit 2008 gibt es in Deutschland mehr angebotene Ausbildungsstellen als Bewerber: Angesichts des drohenden Fachkräftemangels, gerade in der Metall- und Elektroindustrie, müsse man alles daran setzen, Mädchen für Technik und Naturwissenschaft zu begeistern und ihr Selbstvertrauen zu stärken.

Selber ausprobieren, das sei nur ein Erfolgsfaktor der Camps, sagen Behner und Englert. Behner fand bei den Camps gut, dass sie endlich weibliche Vorbilder hatte. „Da waren einfach mal Ingenieurinnen, die erklärt und alles gezeigt haben – das war schon gut, auch weil man da zum Beispiel fragen konnte, wie der Job vereinbar ist mit Familie.“ Einen Mann hätten sich die Mädchen das eher nicht getraut zu fragen. Einen weiteren Erfolgsfaktor sieht Englert in der persönlichen Entwicklung, die die Mädchen in ganz kurzer Zeit mitmachen: „Am ersten Tag sind das oft ganz schüchterne Mädchen. Mit jedem Handgriff wächst bei ihnen das Selbstbewusstsein und die Gruppe zum Team zusammen – und am letzten Tag, nach nicht mal einer Woche, stehen da junge Frauen und präsentieren selbstsicher ihr Werkstück.“ Auch für ihn als Ausbilder und die Auszubildenden des Unternehmens, die die Mädchen die Woche über anleiten, sei das jedes Mal ein befriedigendes Erlebnis. „Da sieht man den Erfolg sofort, das Weiterkommen, die Begeisterung, die wir mit entfacht haben.“

Das sind sehr gute Beispiele und nur zwei von vielen. Aber: Es gibt noch viel zu tun, in Sachen Mädchen und Technik. Im Bachelor-Studiengang von Behner waren zu Beginn 34 Studenten – vier davon weiblich. Zwar steigere sich laut Statistischem Bundesamt die Anzahl von Frauen in technischen Berufen, auch technischen Ausbildungsberufen, und naturwissenschaftlichen Studiengängen – es ist aber ein schleichender Prozess. Trotzdem: Es werden immer mehr Frauen in den MINT-Berufen.

Die Verantwortlichen bei der Bildungsinitiative Technik – Zukunft in Bayern 4.0 im Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft e. V. sowie die Sponsoren, die bayerischen Metall- und Elektro-Arbeitgeber bayme vbm, und die Förderer, das Bayerische Staatsministerium für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie, wollen weiter machen und noch mehr Mädchen für Technik und Naturwissenschaft begeistern. Das Thema Digitalisierung ist längst in den Camps verankert, so lernen die Mädchen digitale Bestandteile einer Ausbildung oder eines Studiums, wie digitales Schweißen, CAD oder autonomes Fahren kennen.

Das war schon vor 15 Jahren so und ist noch heute so: Das bbw ist Vorreiter und setzt immer wieder neue Akzente.